2004: Lofoten

Kreuzfahrt MV Noorderlicht - Auf den Spuren der Orcas
Text und Fotografie von Kerstin Karolczak

[16.11.-23.11.2004]
Schon beim Landeanflug auf den völlig verschneiten Flughafen Harstad/Narvik im Westen von Evenes ist eines klar: das wird kein alltäglicher Urlaub – es ist vielmehr der Beginn eines Wintermärchens. Nach geglückter Landung der Boing 737 auf der Eispiste sind die Passagiere erleichtert, froh wieder festen Boden unter den Füssen zu haben und applaudieren dem Piloten. Doch Evenes mit seinen knapp 1.500 Einwohnern ist noch nicht das Ziel unserer Etappe. Wir wollen weiter nach Lödingen. Denn dort wartet die Crew der Noorderlicht auf uns, um mit uns durch die Inselwelt der Lofoten zu segeln. Die Noorderlicht wurde 1910 in Flensburg gebaut. Ursprünglich konzipiert als Dreimaster war sie anfangs überwiegend auf der Ostsee als Feuerschiff eingesetzt. 1991 erwarb ihr heutiger Besitzer den Schiffsrumpf, ließ ihn generalüberholen und neu als 2-Master takeln. Seitdem ist die Noorderlicht unter Niederländischer Flagge auf allen sieben Weltmeeren zu Hause und beschert ihren max. 20 Gästen unvergessliche Urlaubserlebnisse.

Während der 90 minütigen Busfahrt von Evenes nach Lödingen bekommen wir einen ersten Eindruck von der Weite und Abgeschiedenheit dieser Landschaft. Wir passieren Ortschaften mit farbenfrohen Holzhäusern, überqueren immer wieder kleinere Fjorde und haben stets Sichtkontakt auf die See mit ihren vorgelagerten Schären. Bei unserer Ankunft in Lödingen gegen 16 Uhr ist es bereits dunkel. Aber das ist im November völlig normal auf den Lofoten. Richtig hell ist es zu dieser Jahreszeit eigentlich nur in der Zeit von 10-15 Uhr.

Gut, dass Ian schon an der Bushaltestelle auf die Neuankömmlinge wartet und uns hilft, das Gepäck durch den tiefen Schnee bis zum Schiff zu transportieren.

Auch wenn der Weg eigentlich gar nicht weit ist, wie wir später feststellen…

An Bord werden wir sehr herzlich von den übrigen Crewmitgliedern willkommen geheißen. Kapitän Ted und Steuermann Frans werden während der Reise für unsere Sicherheit verantwortlich sein und Sonja, der weibliche Smutje, für das leibliche Wohl. Ian ist der Biologe und Expeditionsleiter im Team und erläutert uns, gleich nach der Verteilung der Kajüten, die voraussichtliche Reiseroute, die sich abhängig von den Wetterverhältnissen auch noch geringfügig ändern kann, und welche Highlights wir unterwegs sehen werden.

Im Morgengrauen verlassen wir Lödingen und nehmen Kurs auf den Ort, wo Norwegen am tiefsten und engsten ist, den Tysfjord. Hierher ziehen seit den 80er-Jahren jeden Winter riesige Schwärme der nordatlantischen Heringspopulation. Wissenschaftler nehmen an, dass die abrupte Änderung im Zugverhalten der Heringe eine direkte Folge der Überfischung im Nordaltantik ist. Mit den Heringen kamen auch die Schwertwale in den Tysfjord. Etwa 600 Schwertwale halten sich in den Wintermonaten zwischen Oktober und Januar in dieser Region auf und stillen ihren Hunger am reich gedeckten Heringsbuffet. Dabei haben die Orcas, wie die Schwertwale auch genannt werden, eine ganz besondere Jagdstrategie entwickelt. Die geselligen Tiere leben in Schulen von 5-25 Tieren zusammen und jagen gemeinsam. Dabei treiben sie ihre Beute unter Wasser mit Klicklauten und Luftblasen zu einem Ball zusammen, auf den sie dann mit ihren Schwanzflossen (Fluken) einschlagen. Die so betäubten Heringe können danach in aller Ruhe aufgesammelt und gefressen werden.

Gespannt halten wir Ausschau!!!

Und dann plötzlich sind sie da - die Spekkhogger, wie die Orcas in der Sprache der Norweger heißen. Riesige schwertförmige Finnen ziehen durch das Wasser. Ian erklärt uns, dass die großen, geraden Finnen den Männchen und die kürzeren, gebogenen den Weibchen gehören. Ausgewachsene Männchen können eine Körperlänge von 6 - 9 m erreichen, während die Weibchen mit 5-7 m deutlich kleiner sind. Da Orcas sehr neugierige Tiere sind, gelingt es uns, sie mit Schlägen gegen den stählernen Rumpf unseres Schiffes näher ans Boot zu locken. Wir sind auf einmal auf allen Seiten von den mächtigen schwarzen Leibern dieser eleganten Jäger umgeben, die bis zu 55 km/h schnell durchs Wasser gleiten können.

Beim Beobachten der Wale bemerken wir weder die Kälte noch den Einbruch der frühen Dunkelheit.

Ted nimmt Kurs auf Korsnes, wo die Noorderlicht über Nacht an der Pier liegen wird und wo für uns noch genügend Zeit für eine Schneewanderung bleibt. Wir laufen am Ufer entlang bis zur Nachbargemeinde Leikness, wo auf einem Felsplateau 55 prähistorische Tierfiguren (Helleristninger) in Stein geritzt sind. Diese Zeichnungen sollen etwa 9.000 Jahre alt sein.

So wie es Heringe und Orcas jedes Jahr in den Tysfjord zieht, kehren auch wir am nächsten Tag dorthin zurück, um unsere Beobachtungen fortzusetzen. Wir haben diesmal sogar das Glück einer Schule mit Jungtieren zu begegnen. Immer wieder springt das Kalb munter neben seiner Mutter aus dem Wasser. Doch nicht nur wir beobachten die Wale, auch sie beobachten uns. Einzelne Tiere erheben sich mit Kopf und Bauch bis zu den Brustflossen aus dem Wasser um aufmerksam den Horizont abzusuchen. Dieses gerade für Schwertwale charakteristische Verhalten bezeichnet man als Spy-hopping.

Am Nachmittag erreichen wir Svolvær, die Hauptstadt der Lofoten. Der Ort gehört zur Kommune Vågan und zählt ca. 4.000 Einwohner. Schon bei der Einfahrt in den Hafen ist der Hausberg von Svolvær, die Svolværgeita mit ihren beiden 1,8 m auseinanderstehenden Felsspitzen, weithin sichtbar. Unter Kletterern ist die Geita sehr beliebt und spektakulär ist der Sprung vom rechten auf den linken Zacken. Die Menschen leben hier noch immer vom Fischfang, insbesondere vom Kabeljau. In der Hauptfangzeit von Januar bis April werden bis zu 50.000 Tonnen Kabeljau gefangen, die hauptsächlich zu Stockfisch verarbeitet und in südeuropäische Ländern exportiert werden. Auf unserem Spaziergang durch den Ort sehen wir in Wassernähe überall die Holzgestelle zum Trocknen von Fisch. Svolvær ist auch Anlegestelle der Hurtigruten-Schiffe, die auf ihrem Weg von Kirkeness nach Bergen immer einen Stop auf den Lofoten einlegen.

Sehenswert in Svolvær ist die Tema-Galleri, ein kleines heimatkundliches Museum, dessen Ausstellungsstücke das Leben auf den Inseln und die Abhängigkeit der Menschen zum Meer wiederspiegeln. Gezeigt werden neben den Fangwerkzeugen der Fischer auch Skelette und Barten von Walen. Wer möchte, kann sich sogar einen Film über die Fischerei im Wandel der Zeit ansehen. In der Stadt haben verschiedene norwegische Künstler ihre Ateliers, u.a. auch Dagfinn Bakke, dessen Bilder in einigen Hurtigruten-Schiffen hängen. Doch das wohl bekannteste Kind der Stadt ist immer noch die norwegische Liedermacherin und Sängerin Kari Bremnes, deren Musik über die Grenzen von Norwegen hinaus bekannt ist und die bei einem breiten Publikum mit ihren melancholischen Melodien das Fernweh nach dem Norden schürt.

Eine weitere Attraktion in Svolvær ist das am 22. März 2004 eröffnete „Magic Ice“, Norwegens erste Galerie und Bar aus Eis. In einer 500 Quadratmeter großen Halle werden Kunstwerke aus kristallklarem Eis von sieben nationalen und internationalen Künstlern gezeigt. Die Beleuchtung und eine passende musikalische Untermalung setzen die gefrorenen Skulpturen in ein besonders faszinierendes Licht. Auch die Bar, Gläser und Tische – alles besteht aus durchsichtigem Eis.

Nach dem Besuch im „Magic Ice“ am frühen Morgen machen wir uns mit der Noorderlicht auf zu unserem nächsten Ziel, dem Trollfjord. Der Trollfjord ist ein 2 km langer Seitenarm des Raftsunds. An seiner Einmündung nur 100 Meter breit, erweitert sich der Fjord in seinem weiteren Verlauf bis zu einer maximalen Breite von 800 Metern. Begrenzt wird der Fjord zu beiden Seiten von mehr als 1000 Meter hohen Felsen, die nahezu senkrecht aus dem Wasser aufsteigen. Auf der Südseite vom Trolltindan (1084 Meter) und auf der Nordseite vom Blåfjell (998 Meter) und vom Litlkorsnestinden (980 Meter). Auch die Postschiffe der Hurtigruten fahren immer durch den Raftsund und biegen als besondere touristische Attraktion kurz in den Trollfjord ein. An der breitesten Stelle wenden sie und setzen ihre Fahrt durch den Raftsund fort. Früher war es üblich, dass sich große Schiffe an den steilen Felswänden durch Aufmalen ihres Schiffsnamens und des Besuchsdatums verewigten.

Mit der nur 46 Meter langen und 6,5 Meter breiten Noorderlicht haben wir zwar mehr Platz als die großen Ozeanriesen, aber starker Nebel und einsetzender Schneefall machen das Wendemanöver am Ende des Fjords zu einem spannenden Erlebnis.

1880 erlangte der Fjord traurige Berühmtheit durch die Trollfjordschlacht, in der sich die armen Lofotfischer auf ihren Ruder- und Segelbooten im Kampf um die Ressourcen des Meeres mit den kapitalkräftigen Industriefischern auf ihren Dampfbooten gegenüberstanden. Die Fischer stürmten die Dampfschiffe, enterten sie und erzwangen sich so den freien Zugang zum Trollfjord.

Auch wir begegnen auf unserem Segeltörn immer wieder Fischerbooten, aber nichts erinnert an die Kämpfe früherer Zeiten und so genießen wir um 14:30 Uhr die nordische Stille und einen Sonnenuntergang in den strahlendsten Orangetönen.

Wenig später erreichen wir die Insel Skrova etwa 8 km südöstlich von Svolvær und gehen dort an Land. Im frisch gefallenen Neuschnee stapfen wir vorbei an den roten Holzhäusern der Einheimischen und gelangen nach gut einer Stunde auf die andere Seite der Insel. Todmüde fallen wir nach dem Abendessen in unsere Betten. Doch die Nacht ist diesmal nur kurz. Ian läuft gegen 1:00 Uhr von Kajüte zu Kajüte, klopft an jede Tür, macht alle Passagiere wach – damit nur keiner von uns das nächtliche Naturschauspiel verpasst. Der Himmel ist in leuchtendes Grün getaucht: Nordlichter. Auch Aurora Borealis genannt. Diese Lichterscheinungen entstehen in den Polregionen ober- und unterhalb des 60. Breitengrades, wenn geladene Teilchen des Sonnenwindes auf die Erdatmosphäre treffen. Wir können uns gar nicht stattsehen an dem Farbenspiel und halten uns noch stundenlang draußen an Deck auf.

Nach dem Frühstück haben wir zum ersten Mal während dieser Reise genügend Wind, um alle Segel zu setzen und die Motoren auszuschalten. Wer möchte kann beim Segelsetzen mit Hand anlegen. Und die ganz Mutigen dürfen sogar in den Wanden bis zum Krähennest hoch klettern. Unterwegs begegnen uns immer wieder kleinere Orca-Schulen, die das Boot sogar eine Zeit lang begleiten. Am frühen Nachmittag läuft die Noorderlicht in den kleinen Fischerhafen von Skutvik ein, von wo aus wir wieder eine tolle Wanderung im Schnee unternehmen.

Ziel des nächsten Tages ist Tranoy. Schon von weitem grüßt uns der rot-weiß gestreifte Leuchtturm „Tranoy Fyr“. Der Weg vom Hafen bis zum Leuchtturm sieht gar nicht so weit aus, doch er zieht sich. Wie gut, dass der Turm bewirtschaftet ist. So können wir uns bei einem Kaffee oder einer Heißen Schokolade ein wenig aufwärmen, bevor wir uns auf den Rückweg zu unserem Schiff machen.

An unserem letzten Tag auf See steuert Ted die Noorderlicht in die Gewässer vor Baroy, wo wir zum Abschluss der Reise noch einmal das Glück haben, eine größere Gruppe ausgewachsener Orcas bei der Jagd beobachten zu können. Immer wieder durchbricht das Schlagen der Wale mit ihren Schwanzflossen auf die Wasseroberfläche die Stille. Wir könnten dieses Schauspiel noch stundenlang beobachten, doch leider ist es an der Zeit mit der Noorderlicht zum Ausgangspunkt dieser Reise zurück zu kehren. Und so verbringen wir die letzte Nacht gut vertäut an der Pier von Lödingen, bevor uns am nächsten Morgen ein bequemer Schnellbus der Linie Flybussen zurück zum Flughafen von Evenes bringt.